Maik Fischer, Director Orgatec: „Das Büro muss heute mehr sein als ein Ort zum Arbeiten“
Die Arbeitswelt befindet sich im Umbruch. Homeoffice, Künstliche Intelligenz und neue Anforderungen an Zusammenarbeit verändern die Rolle des Büros grundlegend. Maik Fischer, Director Orgatec, spricht über Markttrends, neue Geschäftsfelder und die Zukunft der internationalen Leitmesse für Workspace und Contract Solutions.
Zwischen wirtschaftlichem Druck, hybriden Arbeitsmodellen und neuen Anforderungen an moderne Arbeitswelten sucht die Branche nach Orientierung. Im Vorfeld der Orgatec 2026 spricht Maik Fischer, Director Orgatec, über die aktuelle Marktlage, die wachsende Bedeutung von Hospitality-Konzepten, den Einfluss von Künstlicher Intelligenz und die Frage, warum persönliche Begegnungen wichtiger sind denn je.
Herr Fischer, die Büromöbelbranche befindet sich seit Jahren in einem Spannungsfeld aus Konjunkturschwäche, Homeoffice und Investitionszurückhaltung. Wie bewerten Sie die aktuelle Verfassung des Marktes wenige Monate vor der Orgatec 2026?
Fischer: Der europäische – insbesondere auch der deutsche – Markt steht zweifellos unter Druck. Gleichzeitig sehen wir, dass genau diese Herausforderungen den Wandel der Arbeitswelt beschleunigen. Unternehmen suchen nach neuen Lösungen und Orientierung. Wer Mitarbeitende gewinnen und binden möchte, kommt an attraktiven Arbeitsumgebungen nicht vorbei. Deshalb erleben wir trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen eine hohe Innovationsdynamik in der Branche und genau hier setzt auch die Orgatec an. Der Anmeldestand zeigt, dass die Branche den persönlichen Austausch gerade jetzt als besonders wichtig erachtet.
Viele Unternehmen kämpfen derzeit mit Leerständen, geringer Büroauslastung und der Frage, warum Mitarbeitende überhaupt noch ins Büro kommen sollen. Ist das Leitthema „From Rooms to Relationships“ die Antwort auf dieses Problem?
Fischer: Ich glaube, viele Unternehmen haben inzwischen verstanden, dass Anwesenheit allein kein Ziel sein kann. Niemand fährt morgens ins Büro, nur um dort die gleichen Videokonferenzen zu führen wie zu Hause. Das Büro muss heute mehr sein als ein Ort zum Arbeiten. Es wird zum Raum für Begegnung, Zusammenarbeit und Unternehmenskultur. Genau diesen Wandel beschreibt unser Leitthema „From Rooms to Relationships“. Räume bleiben wichtig, aber letztlich geht es um die Menschen, die darin zusammenkommen. Wer heute attraktive Arbeitsorte schaffen möchte, muss stärker darüber nachdenken, welche Beziehungen und Erfahrungen dort entstehen sollen..
Viele Hersteller berichten von längeren Entscheidungsprozessen und sinkender Planungssicherheit. Welche Erwartungen hören Sie derzeit von Ausstellern, wenn es um die wirtschaftliche Bedeutung einer Messebeteiligung geht?
Fischer: Die Erwartungen sind heute deutlich konkreter als früher. Aussteller wollen nicht nur Sichtbarkeit, sondern qualifizierte Kontakte, internationale Reichweite und messbare Geschäftschancen. Dabei gewinnen persönliche Gespräche gerade in wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten mehr an Bedeutung. Deshalb konzentrieren wir uns stärker auf die Business- und Networkingfunktion der Orgatec. Die Messe soll ein Ort sein, an dem konkrete Projekte entstehen und belastbare Geschäftsbeziehungen auf- und ausgebaut werden.
Messen stehen heute unter einem erheblichen Rechtfertigungsdruck. Warum sollte ein Fachhändler, Büroeinrichter oder Planer im Oktober nach Köln reisen und nicht stattdessen digitale Informationsangebote nutzen?
Fischer: Weil man die entscheidenden Dinge oft nicht auf einem Bildschirm erlebt. Natürlich kann man sich Produkte online ansehen. Doch gerade Arbeitswelten, die für die reale Büroumgebung gemacht sind, muss man erleben. Materialien, Akustik, Ergonomie oder Raumkonzepte lassen sich hier digital nur begrenzt vermitteln. Die Orgatec bietet außerdem einen einzigartigen internationalen Marktüberblick und bringt die wichtigsten Entscheiderinnen und Entscheider an einem Ort zusammen. Solche Möglichkeiten des persönlichen Austauschs in unserer Branche lassen sich nur schwer planen oder gar digital ersetzen. Ich höre nach jeder Orgatec Geschichten von Begegnungen, die zu Projekten, Partnerschaften oder neuen Geschäftsideen geführt haben. Genau deshalb haben Messen und vor allem die Orgatec als internationale Leitmesse für Workspace und Contract Solutions trotz aller Digitalisierung nichts von ihrer Bedeutung verloren.
Viele Büroeinrichter suchen derzeit nach neuen Geschäftsfeldern. Sehen Sie in Hospitality, Bildungseinrichtungen und öffentlichen Räumen künftig größere Wachstumschancen als im klassischen Büro?
Fischer: Wir sehen vor allem, dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Nutzungsbereichen zunehmend verschwimmen. Moderne Einrichtungslösungen werden heute für unterschiedlichste Arbeits- und Aufenthaltsräume gefragt. Das klassische Büro verliert dabei, meiner Meinung nach, nicht an Bedeutung, aber es hat andere Themenschwerpunkte dazu bekommen wie bspw. Gastfreundschaft, Aufenthaltsqualität oder Gemeinschaftsflächen. Hier kommen viele neue Ideen ursprünglich aus Hotels, Lounges oder Bildungseinrichtungen und finden heute den Weg in die Arbeitswelt. Mit der neuen Segmentierung in Workspace- und Contract-Bereiche schaffen wir deshalb eine klare Orientierung für die Besuchenden und machen gleichzeitig die vielfältigen Berührungspunkte zwischen den Bereichen sichtbar. So fördern wir den Austausch zwischen den unterschiedlichen Märkten und eröffnen neue Potenziale für Synergien.
Künstliche Intelligenz verändert derzeit nahezu alle Geschäftsbereiche. Welche Auswirkungen erwarten Sie auf die Gestaltung von Arbeitswelten und welche Rolle wird dieses Thema auf der Orgatec spielen?
Fischer: KI wird viele Arbeitsprozesse, wie bspw. Routinetätigkeiten verändern und teilweise automatisieren. Dadurch gewinnen kreative Zusammenarbeit, Wissensaustausch und persönliche Begegnung an Bedeutung. Das hat direkte Auswirkungen auf die Gestaltung von Arbeitsumgebungen, denn flexible, intelligente und nutzerorientierte Konzepte werden zunehmend attraktiver für Büroeinrichtungen. Auf der Orgatec wird KI deshalb nicht nur als Technologiethema betrachtet, sondern als Teil einer umfassenden Transformation von Arbeit, Organisation und Raum.
Der internationale Ausstelleranteil bleibt hoch, während viele europäische Märkte unter Druck stehen. Welche Regionen entwickeln sich derzeit besonders dynamisch und wo sehen Sie die größten Wachstumsimpulse für die Branche?
Fischer: Die Orgatec ist und bleibt eine internationale Plattform. Dynamische Entwicklungen beobachten wir derzeit insbesondere in Teilen Asiens, im Nahen Osten sowie in weiteren aufstrebenden Märkten außerhalb Europas. Gleichzeitig bleibt Europa dabei ein äußert relevanter Markt, nicht zuletzt aufgrund seiner Größe, und dazu wichtiger Innovationsmotor – insbesondere bei Themen wie Design, Nachhaltigkeit und der Gestaltung zukunftsfähiger Arbeitswelten. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in unserer internationalen Strategie wider: Mit der erfolgreichen Orgatec Tokyo und der neuen Orgatec Workspace Saudi Arabia in Riad erschließen wir gezielt weitere Wachstumsmärkte und stärken den internationalen Austausch innerhalb der Branche. Dabei bleibt Köln der zentrale Treffpunkt, das Mutterschiff, der globalen Workplace-Community, an dem diese internationalen Entwicklungen zusammenkommen.
Wird in der Branche beim Thema Nachhaltigkeit inzwischen mehr umgesetzt als darüber gesprochen oder sehen Sie noch eine erhebliche Lücke zwischen Anspruch und Realität?
Fischer: Die Branche ist deutlich weiter als noch vor einigen Jahren. Nachhaltigkeit ist kein reines Kommunikationsthema mehr, sondern wird zunehmend in die Unternehmensstrategie, Produktentwicklung, Materialwahl, Kreislaufkonzepte, Lieferketten und Zertifizierungen integriert, wie wir auch bei vielen Produkten auf der Orgatec sehen werden. Gleichzeitig wäre es nicht ehrlich zu sagen, dass Anspruch und Realität bereits überall deckungsgleich sind. Die Transformation ist komplex und betrifft die gesamte Wertschöpfungskette. Entscheidend ist, dass Nachhaltigkeit heute nicht mehr als Zusatz verstanden wird, sondern als grundlegender Bestandteil zukunftsfähiger Geschäftsmodelle.
Die Zahl der Marktteilnehmer wächst nicht, gleichzeitig steigt der Wettbewerbsdruck. Rechnen Sie in den kommenden Jahren mit einer stärkeren Konsolidierung der Büroeinrichtungsbranche?
Fischer: In angespannten Märkten steigt der Druck auf Unternehmen grundsätzlich, daher sehen wir Konsolidierungstendenzen bereits heute in verschiedenen Bereichen. Das ist in vielen Branchen ein normaler Prozess. Gleichzeitig entstehen immer wieder neue Geschäftsmodelle und Spezialisierungen. Deshalb erwarte ich keinen reinen Konzentrationsprozess, sondern eine stärkere Differenzierung. Unternehmen werden sich künftig noch klarer über ihre Kompetenzen und ihre Positionierung definieren müssen.
Für viele Fachhändler und Büroeinrichter wird die Rolle als Produkthändler zunehmend schwieriger. Beratung, Planung und Service gewinnen an Bedeutung. Wie verändert sich dadurch das Verhältnis zwischen Industrie, Handel und Endkunden?
Fischer: Das Verhältnis wird partnerschaftlicher und komplexer. Der Handel ist heute nicht mehr nur Vertriebskanal, sondern Berater, Projektpartner und Übersetzer zwischen Herstellerlösungen und den konkreten Anforderungen der Endkundinnen und -kunden. Für die Industrie bedeutet das, dass Produkte stärker in ganzheitliche Konzepte eingebettet werden müssen. Für den Handel und Büroeinrichterinnen und -einrichter entstehen neue Chancen, wenn sie Beratung, Planung, Change-Prozesse, Service und Nachbetreuung überzeugend miteinander verbinden. Die Orgatec bildet genau diese Schnittstelle zwischen Industrie, Handel, Planung und Anwendern ab.
Wenn wir fünf Jahre vorausblicken. Welche drei Entwicklungen werden die Arbeitswelt und damit auch die Orgatec bis 2030 am stärksten prägen?
Fischer: Erstens die weitere Integration digitaler Technologien und künstlicher Intelligenz. Zweitens wird die Frage nach der Rolle des Büros in Hinblick auf Anpassungsfähigkeit und Ausrichtung am Menschen weiter zentral bleiben. Arbeitsorte müssen stärker begründen, welchen Mehrwert sie für Menschen schaffen und schneller auf veränderte Teamstrukturen, Technologien und Nutzungsmuster reagieren können. Drittens wird Nachhaltigkeit weiter an Bedeutung gewinnen – nicht als Einzelthema, sondern als Wirtschaftsmodell und Grundvoraussetzung für zukunftsfähige Produkte, Gebäude und Geschäftsmodelle. Diese drei Entwicklungen werden auch die Orgatec prägen: als Plattform, die nicht nur Produkte zeigt, sondern die Zukunft professionell genutzter Räume diskutiert und erlebbar macht.
Was wäre für Sie persönlich das Signal, dass die Orgatec 2026 ein Erfolg war – volle Hallen, hohe Internationalität, konkrete Geschäftsabschlüsse oder die Fähigkeit, neue Impulse für die Branche zu setzen?
Fischer: Am Ende ist es die Kombination aus all diesen Faktoren. Natürlich sind eine starke Ausstellerbeteiligung, hohe Internationalität und konkrete Geschäftskontakte wichtige Erfolgsindikatoren. Aber wenn Sie mich persönlich fragen, dann sind es die Gespräche, die bleiben. Ich freue mich immer besonders, wenn ich Monate nach der Messe höre, dass dort ein Projekt entstanden ist, eine Partnerschaft begonnen hat oder jemand eine Idee mitgenommen hat, die später erfolgreich umgesetzt wurde. Für eine moderne internationale Leitmesse reicht es nicht mehr, nur Fläche zu füllen. Ein wirklicher Erfolg ist die Orgatec 2026 dann, wenn sie der Branche Orientierung gibt, relevante Entscheiderinnen und Entscheider zusammenbringt und neue Impulse für die Weiterentwicklung von Arbeitswelten und Contract Spaces setzt. Wenn uns das gelingt, war die Messe erfolgreich.
Herr Fischer, vielen Dank.
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