Es gibt viele Wege zum Glück, einer ist aufhören zu jammern

Wenn Sie diese Kolumne lesen, ist der Jahreswechsel schon ein paar Tage her. Der fröhliche Neujahrsgruß, der Ihnen seit dem 1. Januar aus allen Ecken entgegenschallte, ist verklungen. Der Reiz des Neuen ist verflogen. Schon fühlt sich 2025 so an, als sei es „alt“.

Mein Jahr 2025 habe ich bewusst ganz ruhig begonnen. Ok, ich gebe zu, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist. Der andere Teil ist, dass mein Partner gesundheitlich angeschlagen war. Hinzu kommt, dass 2024 bei mir Spuren hinterlassen hat. Das erste halbe Jahr war wie bei einer Achterbahnfahrt ein rasantes Auf und Ab, das zweite geprägt von Loslassen und neu Durchstarten. Ich habe mich gefreut auf das Neue. Dazu passte es ganz gut, das erste Mal nicht mit großem Freundeskreis zu feiern oder in einer schicken Location abzutanzen und schnell vor Mitternacht zwei Gläser Sekt zum Anstoßen erhaschen zu müssen.

Zu zweit zu Hause zu feiern hat große Vorteile: kein übermäßiges Styling für eine Party. Kein hektisches Vorbereiten eines oder mehrerer Gerichte für ein gemischtes Buffet. Keine Fahrt irgendwohin und das Knobeln um die Frage, wer fährt. Einfach in Ruhe den 31. Dezember begehen, das Käse-Fondue vorbereiten, den Tisch decken, hinsetzen, fertig. Ganz ehrlich: Ich habe es genossen, denn es war genau das Richtige nach den vorangegangenen 366 Tagen. Dazu nach vielen Jahren mal wieder „Dinner for One“ und tiefgehende Gespräche zu zweit über das, was war, und das, was kommt. Ich habe die Gedanken schweifen lassen und mir vorgestellt, wo ich wohl am 31. Dezember 2025 stehe …

Ehe ich mich versah, war es da, das neue Jahr. Mit reichlich Geböller. Hatten Sie auch das Gefühl, dass es dieses Mal besonders viele Raketen und Feuerwerkskracher waren? Als um halb eins immer noch unvermindert die roten, blauen und weißen Fontänen die Nacht in den Tag verwandelten, fragte ich mich unwillkürlich, ob die Menschen in diesem Jahr extra viel Geld für Raketen ausgegeben hatten, um das Alte mit ordentlich Krach in den Himmel zu schießen. Knüpften sie daran die Hoffnung, dass ab dem 1. Januar wie durch Zauberhand alles anders, alles besser wird?

Die Sportroutine, die schon so lange auf der Agenda steht, kommt endlich in den Fluss. Die Ernährung ist von heute auf morgen gesund und ausgewogen, und das mit der Work-Life-Balance funktioniert auch plötzlich von ganz alleine. Doch insgeheim wissen die meisten, dass der Vorsatz genauso schnell verpufft wie der Sternenglanz in der Silvesternacht. Schon zwei Wochen später lässt der Reiz des Neuen meist unvermittelt nach. Die noch ungewohnte Sportroutine landet mit der Sporttasche in der hintersten Schrankecke, und der neu erwachte Supersportler verwandelt sich wieder in den Couch-Potato mit der Snacktüte in der Hand zurück. Auch die Zahl der Überstunden steigt von Tag zu Tag kontinuierlich an. Die Nachrichten zeigen kaum positive Entwicklungen in der Welt. Die Preise steigen, die Politiker bewerfen sich gegenseitig mit Schmutz und Häme, und die Bedrohung in der Welt nimmt eher zu als ab.

Das war’s dann mit den guten Vorsätzen und dem frohen neuen Jahr. Alles beim Alten? Willkommen im Jammertal. Es gibt jede Menge, über das wir klagen, jammern und meckern können. Und wenn dann der Kollege seine Zusage nicht einhält und uns auf die dringende Information warten lässt oder der Wasserbehälter in der Kaffeemaschine schon wieder leer ist, kann man einfach nicht mehr fröhlich und glücklich sein, oder?

Stop ! Genau an dieser Stelle können wir das Blatt wenden. Denn es liegt an uns selbst, den Zauber des Jahresanfangs weiterzutragen. Dazu habe ich ein wunderbares Zitat von Albert Einstein gelesen: „Es gibt viele Wege zum Glück. Einer davon ist aufhören zu jammern.“

Das fängt schon damit an, dass wir unsere Ziele nicht zu hoch stecken, nur um nach kurzer Zeit zu merken, dass sie unerreichbar sind. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe es, mir übergroße Ziele zu setzen, um mich herauszufordern. Aber wenn ich liebgewonnene Gewohnheiten verändern will, weiß ich, dass der Crash-Kurs für mich nicht funktioniert. Gleichzeitig mehr Sport zu treiben, die Ernährung umzustellen und eine Work-Life-Balance zu erreichen, ist utopisch. Der Frust über das wieder einmal nicht erreichte Ziel ist vorprogrammiert, und zack ist der Jammer groß. Wenn wir erst mal anfangen zu jammern, stecken wir ganz schnell fest in dem, was uns nicht gefällt. Wir drehen uns mit unseren negativen Gedanken im Kreis. Statt voranzukommen, zieht uns das nur weiter nach unten.

Wie wäre es stattdessen, das Jammern und Meckern sein zu lassen und einfach mal nur das Positive zu sehen? Geht nicht, meinen Sie? Doch, das geht. Statt die Ziellinie des Marathons anzupeilen, reicht es für den Anfang, regelmäßig eine halbe Stunde spazieren zu gehen. Dabei können wir auch die ersten Knospen entdecken, die uns zeigen, dass der dunkle Winter bald vorbei ist. Wir können auch einfach mal aus dem Fenster schauen und darüber staunen, wie unfassbar magisch die Sonne heute Morgen den Himmel in gold-orangene Farben getaucht hat. Wir können uns bewusst darüber freuen, wenn fremde Menschen uns unvermittelt und ohne Erwartungshaltung etwas Gutes tun.

Zum Beispiel, wenn die Nachbarin die schwere Einkaufstüte der alten Dame, die unter ihr wohnt, hinaufträgt. Wenn der Kollege überraschend eine Tasse Kaffee auf den eigenen Schreibtisch stellt, weil man es einfach nicht schafft, sich zwischen dem dauernden Telefonklingeln selber eine zu holen. Oder wenn der Mann oder die Frau in der Warteschlange an der Kasse uns einfach nur so ein Lächeln schenkt. Das Glück gibt es überall. Wir müssen es nicht suchen, es kommt von alleine zu uns. Doch wir sind immer so sehr mit uns selbst und all dem Negativen in der Welt beschäftigt, dass wir das Schöne und das Gute gar nicht mehr wahrnehmen.

Wir dürfen lernen, wieder offener für die kleinen und größeren Glücksmomente zu sein und selber diese Glücksmomente zu verschenken. Ein Lächeln hier, eine Tasse Kaffee da. Die Tür aufhalten, die schwere Tasche tragen, ein Anruf mit der ernst gemeinten Frage: Wie geht es dir? Und das offene Ohr für die vielleicht längere Antwort. Das sind Glücksmomente, die wir nicht kaufen
können und die uns doch so viel geben können. Sie haben eine große Nebenwirkung: Das Jammern verflüchtigt sich, weil kein Raum mehr dafür da ist. Und für den Fall, dass es doch wieder hervorkommt, erinnern Sie sich vielleicht an meinen Tipp im vergangenen Jahr: Schreiben Sie sich auf, was Sie Gutes erlebt haben. Welche Begegnung hat Sie inspiriert? Welcher Moment ein Lächeln ins Gesicht gezaubert? Was haben Sie gegeben? Ich verspreche Ihnen, das Glück ist da, jeden Tag. Wir müssen ihm nur mehr Platz in unserem
Leben einräumen, damit es sich ausbreiten kann.
anjakuhn.com