Wenn wir uns mit Worten duellieren: Die Macht der Sprache

Der Umgangston im Alltag hat sich verändert. Anja Kuhn beleuchtet in ihrer Kolumne die schleichende Integration von Gewaltmetaphern in unsere Kommunikation und deren Konsequenzen. Erfahren Sie, wie bewusste Wortwahl zu einer wertschätzenden Kommunikation beitragen kann.


Eigentlich haben wir Sommer … doch so richtig fühlt sich das nicht danach an. Die Gradzahlen auf dem Thermometer wollen einfach nicht nach oben klettern und dümpeln zwischen 15 und 20 vor sich hin. So ähnlich scheint es mit der Kommunikation in unserem Land zu sein. Auch die hat sich merklich abgekühlt.

Ich öffne meinen Internetbrowser oder meine Social-Media-Kanäle und schon springen mir die Schlagzeilen entgegen. In fast allen Textüberschriften finde ich gewaltbetonte Sprache. Da ist von „niederringen“, „Horror“ und „Rapport“ die Rede. Sogar bei einem Bankenthema wird ein früherer Erfolg pulverisiert.

Dass viele Worte und Begriffe, die sonst in kriegerischen Zusammenhängen verwendet wurden, wie selbstverständlich in unseren alltäglichen Sprachgebrauch eingezogen sind, ist nicht neu. Zum Beispiel arbeitet die Werbeszene schon seit vielen Jahren gerne mit angriffslustigen Begriffen wie „Guerrilla-Marketing“. Und erinnern Sie sich noch an den Beginn der Corona-Pandemie? Da war zuerst von einer Krise, dann von dem Kampf gegen einen unsichtbaren Feind und später vom Krieg die Rede.

Es ist ein schleichender Prozess, wie solche kämpferischen Worte sich in unserem Wortschatz einnisten. Das macht es nicht besser. Sind sie erst einmal da und haben sich einen festen Platz erobert, werden wir sie so schnell nicht wieder los.

Sie kennen sicherlich die Redewendung, dass das, was wir denken, zu Worten wird und das, was wir sagen, zu Taten und Gewohnheiten. Ich habe in den letzten Wochen oft beobachtet, dass sich einzelne Worte, die immer mal wieder platziert werden, um den eigenen Aussagen Nachdruck zu verleihen, schnell in persönliche Angriffe verwandeln.

Das beginnt ganz oben – in der Politik. Dass diejenigen, die unser Land führen, nicht gerade zimperlich miteinander umgehen, daran haben wir uns inzwischen gewöhnt. Doch meiner Meinung nach hat der Umgang einen anderen Ton angenommen. Er ist persönlicher geworden. Nicht selten hört, sieht und liest man von Beleidigungen und verbalen Schlägen unter die Gürtellinie. Das ist sportlich gesehen nicht nur unfair, sondern wird als Foul gewertet.
Das Problem, das ich dabei sehe, ist, dass das, was dort vorgelebt wird, eine Vorbildfunktion hat. Das Gesagte wird über die Medien und die Social-Media-Kanäle verbreitet, geteilt, kommentiert und diskutiert. Viele denken – sicherlich unbewusst – dass dieser Umgangston das neue „Normal“ ist.

Wir lernen unter anderem durch das Kopieren und Nachahmen von anderen. Ehe wir uns versehen, zieht sich die gewaltbereite Sprache von der Politik in die Unternehmen und durch die Gesellschaft. Ein verbaler Schlag unter die Gürtellinie ist dann kein Foul mehr, sondern ein gelerntes Verhalten.

Dabei vergessen wir sehr schnell, dass das, was wir sagen, nicht nur verletzen kann. Es kann auch dazu führen, dass menschliche Verbindungen für immer zerstört werden. Worte können das. Sie haben eine unglaubliche Macht. Dazu habe ich dieses wunderbare Zitat von Guido Maria Kretschmer gefunden: „Der falsche Satz zur falschen Zeit – das nimmt dir alles, das vergisst du nie wieder.“ An diesem Punkt kommt jeder Einzelne von uns ins Spiel.

Viele Menschen fragen sich, was sie dazu beitragen können, dass sich in unserer Gesellschaft etwas ändert. Ich finde, dass Sprache und Ausdruck wertvolle Hebel sind, um Veränderung zu bewirken. Wenn jeder von uns sein Verhalten und seine Sprache bewusst reflektiert und gewaltausdrückende Worte löscht, verändert sich etwas.

Es ist doch so: Jeder von uns beeinflusst die Energie, die zwischen Menschen entsteht. Gehen wir mit einer aggressiven Grundstimmung in ein Gespräch, ist die Luft aufgeheizt und unser Gegenüber muss jede Menge Energie aufwenden, um die Feindseligkeit in eine wertschätzende Kommunikation umzuwandeln. Wenn ihm das nicht gelingt, greift auch er zu seinen verbalen Waffen und aus einer aufgeheizten wird schnell eine explosive Stimmung.

Gehen wir allerdings mit dem Bewusstsein in ein Gespräch, gewaltfrei, wertschätzend und zugewandt zu kommunizieren, ist die Energie leicht und offen und bietet ganz andere Möglichkeiten. Das gilt natürlich für alle Lebensbereiche. Ob im Business, im Verein oder privat – wir erhalten das, was wir aussenden. Wenn wir uns ganz bewusst mit unserer Kommunikation und der Macht unserer Worte beschäftigen und statt gewaltbereit gewaltfrei kommunizieren, erhalten wir das auch zurück.

Und ich verspreche Ihnen: Das Leben wird leichter und friedlicher. Natürlich ist mir bewusst, dass es nicht von heute auf morgen gelingt, die Kommunikation in der gesamten Gesellschaft friedlich, zugewandt und wertschätzend zu gestalten. Für den Anfang schlage ich Ihnen vor, Ihren eigenen Wortschatz auf aggressive Worte zu überprüfen. Wie oft geben Sie einen Startschuss, wollen den Kampf gegen den Mitbewerber gewinnen oder haben Sie ein Attentat auf Ihre Mitarbeitenden vor?

Und wie ist es mit Ihrer Macht als Führungskraft? Wie oft nutzen Sie versteckte Drohungen und Manipulationen, um Ihr Ziel zu erreichen? Wenn-Dann-Formulierungen wirken so unscheinbar und selbstverständlich. Man könnte sagen: Sie tarnen sich. Denn dahinter steckt in Wirklichkeit eine Drohung, die Menschen unter Druck setzt. Auch übergriffiges Verhalten gehört dazu. Das kann non-verbal ein Ignorieren oder Nicht-Zuhören sein. Oder verbal, indem wir die Bedürfnisse des Anderen mit einem Abwinken oder einem lapidaren Hinweis abwehren.

Jedes kleine Rädchen, das wir durch unser verändertes Kommunikationsverhalten in Gang setzen, kann das Große in Bewegung setzen. Wichtig ist, dass es viele kleine Rädchen sind!

Auch die ganz großen Revolutionen haben mit einer Person angefangen, die etwas verändern wollte.
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