Nachhaltigkeit beginnt bei klaren Prozessen
Nachhaltigkeit im Büro wird oft mit Recyclingpapier oder energieeffizienter Technik verbunden. Doch der Hebel liegt tiefer. Sarah Thullner zeigt, warum nachhaltige Arbeitsstrukturen klare Prozesse, Kommunikation und funktionierende hybride Arbeitsmodelle brauchen.
Viele wünschen es sich – doch nicht für jeden ist es der ideale Arbeitsalltag: das Homeoffice.
Erinnern Sie sich noch an den Büroalltag vor Corona? Für viele Unternehmen war es kaum vorstellbar, dass Mitarbeitende von zu Hause aus arbeiten. Die Argumente waren zahlreich: fehlende Kontrolle, technische Hürden, Sorge um Produktivität. Doch hinter vielen dieser Einwände steckte vor allem eines – fehlende Klarheit. Klarheit über Prozesse. Klarheit über Erwartungen. Klarheit über Führung auf Distanz.
Und auch auf Mitarbeiterseite war diese Unsicherheit spürbar.
Wie klärt man Aufgaben, die man früher schnell „über den Schreibtisch hinweg“ besprochen hat?
Wie erkennt man, ob der Chef oder die Chefin eine Idee gut findet, wenn man nur ein verpixeltes Gesicht auf dem Bildschirm sieht und die Mimik kaum lesbar ist?
Was in dieser Zeit deutlich wurde: Viele Angestellte wurden unfreiwillig zu Selbstständigen im eigenen Arbeitsalltag. Plötzlich mussten sie ihren Tag eigenständig strukturieren, Prioritäten setzen und Entscheidungen treffen. Was im Büro durch Routinen, Wege und feste Abläufe getragen wurde, fiel weg.
Und genau hier liegt ein entscheidender Punkt, wenn wir über Nachhaltigkeit im Büroalltag sprechen.
Nachhaltig sind nicht nur Recyclingpapier, Mehrwegbecher oder energieeffiziente Geräte. Nachhaltig sind vor allem Prozesse, die langfristig tragfähig sind – für Unternehmen und für Menschen.
Wenn Homeoffice oder hybride Modelle funktionieren sollen, reicht Technik allein nicht aus. Es braucht klar definierte Strukturen.
Wer ist wofür verantwortlich?
Welche Kommunikationswege gelten verbindlich?
Wann braucht es Abstimmung – und wann Vertrauen?
Aktuell sehe ich viele Hybridlösungen, die gut gemeint, aber nicht klar geregelt sind. Zwei Tage Büro, drei Tage Homeoffice – doch ohne verbindliche Struktur. Meetings finden doppelt statt, Informationen versanden, Erwartungen bleiben unausgesprochen. Projekte warten auf Freigaben. Effizienz leidet. Frust entsteht.
Nachhaltigkeit bedeutet hier, Prozesse so zu gestalten, dass sie dauerhaft funktionieren – nicht nur in Ausnahmesituationen. Es geht um Orientierung, um Klarheit und um Ressourcenschonung. Und damit sind nicht nur materielle Ressourcen gemeint, sondern auch Zeit, Energie und mentale Kapazität.
Und genau hier möchte ich meine persönliche Erfahrung teilen.
Als Selbstständige darf ich meine eigenen Prozesse regelmäßig hinterfragen. Niemand gibt mir feste Strukturen vor. Niemand kontrolliert, wann ich beginne oder wie ich meinen Tag plane. Nachhaltiges Arbeiten bedeutet für mich deshalb vor allem Selbstführung.
Ich merke immer wieder, wie wichtig meine eigene Disziplin ist und wie sehr mein Arbeitsumfeld meine Produktivität beeinflusst. Ich arbeite gerne außerhalb meines Homeoffice. Die Atmosphäre in einem Café oder einem Coworking-Space inspiriert mich. Stimmen im Hintergrund, Bewegung, ein gewisses Grundrauschen – all das bringt meine Gedanken oft in Fluss.
Diese Kolumne schreibe ich zum Beispiel gerade in meinem Lieblingscafé. Vor mir steht ein Latte Macchiato, daneben ein Teller mit Pancakes. Um mich herum Gespräche, Geschirrklappern, leises Lachen. Und genau hier entsteht für mich Klarheit. Nicht im stillen Arbeitszimmer, sondern mitten im Leben.
Das bedeutet nicht, dass das der richtige Weg für jeden ist. Aber es zeigt: Nachhaltigkeit im Arbeitsalltag ist individuell. Sie entsteht dort, wo Prozesse, Umgebung und persönliche Arbeitsweise zusammenpassen.
Nachhaltige Prozesse beginnen deshalb nicht nur im Unternehmen – sie beginnen auch bei einem selbst.
Mein Impuls aus Unternehmenssicht:
Formulieren Sie klar, was Sie erwarten. Zählen Ergebnisse – oder Präsenz? Sind die technischen Voraussetzungen wirklich gegeben? Und ganz wichtig: Holen Sie sich ehrliches Feedback, ob Ihre Anforderungen im Alltag umsetzbar sind. Nachhaltige Prozesse entstehen im Dialog.
Mein Impuls aus Mitarbeitersicht – und auch aus meiner eigenen Erfahrung:
Beobachten Sie sich selbst ehrlich. Wo arbeiten Sie konzentriert? Was brauchen Sie, um strukturiert zu bleiben? Welche Umgebung unterstützt Sie – und welche lenkt Sie eher ab? Vergleichen Sie sich nicht mit anderen, sondern optimieren Sie Ihre Prozesse für sich selbst.
Am Ende geht es nicht um den Arbeitsort. Es geht um Strukturen, die Menschen stärken, statt sie zu überfordern. Vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment, weniger über Produkte zu sprechen und mehr über Prozesse. Und vielleicht auch darüber, was Sie persönlich brauchen, um nachhaltig gut zu arbeiten.
sarah-thullner.de

