Die Macht der richtigen Fragen

Stellen Sie die richtigen Fragen? Gibt es das überhaupt – richtige und demzufolge falsche Fragen? Ich stelle von Beruf wegen viele Fragen und natürlich gehen sie mir in meiner privaten Zeit auch nicht aus. Damit ecke ich hin und wieder an, denn viele Menschen haben es verlernt, Fragen zu stellen.

Kinder kommen auf die Welt und tragen diese wunderbare Neugierde in sich, mit der sie die Welt entdecken. Sie schauen sich alles an, nehmen Gegenstände in die Hand, die Erwachsene ihnen nicht selten mit einem angewiderten Blick sofort wieder wegnehmen. Und irgendwann beginnen sie Fragen zu stellen. Ich frage mich, bei wem sie sich das abgeguckt haben, mit einer harmlos wirkenden Warum-Frage zu starten und auch nach der fünften Antwort die Lust auf das „warum“ nicht zu verlieren. Erwachsene können ihnen das nicht vorgelebt haben, denn die meisten geben spätestens nach dem fünften „warum“ entnervt auf.

Und ich frage Sie: Wann haben Sie das letzte Mal eine „Warum“-Frage gestellt? Wann haben Sie das letzte Mal eine Frage gestellt, die scheinbar nicht ganz in den Gesprächsrahmen passte? Wann haben Sie das letzte Mal Ihrem Gegenüber „Löcher in den Bauch“ gefragt, weil sie mehr wissen wollten? Haben Sie den Mut, in einem Meeting eine Frage zu stellen, obwohl kein anderer es tut?

Beim Fragen stellen geht es nämlich häufig genau darum – mutig zu sein, den Status zu hinterfragen, nachzufragen, wenn wir etwas nicht verstanden haben oder tiefer zu graben, um mehr herauszufinden. Die richtigen Fragen helfen uns, Neues zu entdecken, Menschen besser kennenzulernen und Themen herauszukitzeln, die sonst vielleicht unentdeckt bleiben und stattdessen langsam vor sich hin schwelen. Fragen zu stellen heißt aber auch, sich einzulassen, sich Zeit zu nehmen und zuzuhören.

In meinem Podcast und den Interviews mit meinen Kunden stelle ich Fragen, die bisweilen sehr tief gehen und sehr persönlich sind. Häufig erhalte ich darauf Antworten, mit denen ich nicht gerechnet habe. Irgendwann habe ich mich gefragt, wie mir das gelingt. Ein Podcast Gast hat es mir erklärt: „Wenn du mir deine Fragen stellst, bis Du ganz bei mir und lässt dich auf mich und das, was ich sage zu einhundert Prozent ein. Du gibst mir den Raum, damit ich mich öffnen kann.“

Ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt: Unser Gegenüber spürt intuitiv, ob wir wirklich aufmerksam zuhören oder mit den Gedanken schon zum übernächsten Termin abschweifen. Es kommt also nicht nur darauf an, die richtigen Fragen zu stellen, sondern auch den Antworten den passenden Raum zu bieten.

Vor ein paar Wochen war ich auf einer Veranstaltung, bei der neben wertvollen Impulsen auch Netzwerken auf der Agenda stand. Dazu hatte sich der Veranstalter etwas Einfaches und gleichzeitig sehr Effektives einfallen lassen: Jeder Gast erhielt eine bedruckte Karte mit einer Frage darauf. Alle Teilnehmer erhielten nun die Aufgabe, auf den nächsten Gast zuzugehen, sich kurz vorzustellen und die Frage auf der Karte zu stellen. Anschließend war der andere Gast dran. Anschließend wurden die Karten getauscht und wir wechselten die Gesprächspartner. Innerhalb weniger Minuten sprach ich so mit rund zehn Personen über Themen wie „Was würdest du machen, wenn du heute 1 Millionen Euro im Lotto gewinnen würdest?“, „Was ist dein größtes Talent?“ und „Wo möchtest du gerne Urlaub machen?“.
Als ich nach der Veranstaltung meine Gesprächspartner in mein Social-Media-Netzwerk einlud, hatten wir gleich ein Gesprächsthema, denn die Fragen und Antworten waren „hängen geblieben“ und hatten eine Verbindung geschaffen, die über die Veranstaltung hinaus hielt.

Was ich auch sehr spannend finde, ist eine Fragen-Sammlung, von der mir ein Gast in meinem Podcast erzählte. Die Recruitingagentur hat Fragen zusammengestellt, die die Inhaber als Impuls nutzen, wenn sie ihre Mitarbeiter-Gespräche führen. Zuvor nehmen sie die Karten zur Hand und ziehen Fragen hervor. Die Fragen lauten zum Beispiel „Was bewegt dich aktuell?“ und „Welchen Einfluss hat deine aktuelle Arbeit auf unser Team und unser Unternehmen“. Diese Gespräche finden einmal im Quartal statt und fördern sowohl die Selbstreflexion als auch die gemeinsame Reflexion. Zusätzlich stärken sie die Wertschätzung im Unternehmen. Das schafft Bindung.

Fragen sind mächtig. Deshalb ermutige ich Sie: Stellen Sie mehr Fragen. Stellen Sie Fragen, die tief gehen und die anders sind.
www.anjakuhn.com