Freundschaft im Business – Nähe mit Nebenwirkungen?
Wenn Freundschaft und berufliche Zusammenarbeit aufeinandertreffen, wird es schnell kompliziert. Sarah Thullner zeigt in ihrer Kolumne, warum emotionale Nähe im Business nicht immer ein Vorteil ist – und wie klare Strukturen Konflikte vermeiden.
Freundschaften sind etwas Wunderbares. Sie basieren auf Vertrautheit, Zuverlässigkeit und einer gemeinsamen Geschichte. Doch was passiert, wenn sich diese enge Bindung in den beruflichen Kontext verlagert? Kann Freundschaft im Business funktionieren? Oder stehen sich Emotion und Professionalität letztlich im Weg?
Diese Fragen begegnen mir immer wieder – in Gesprächen mit Kunden, im eigenen beruflichen Umfeld und in langjährigen Beobachtungen. Und sie sind komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheinen.
Freundschaft als Fundament – oder als Stolperfalle?
Zunächst wirkt es verlockend: Mit einer Freundin oder einem Freund zusammenzuarbeiten, bedeutet, sich zu kennen, ähnliche Werte zu teilen und sich schnell zu verstehen. Doch genau das kann zur Herausforderung werden. Denn im beruflichen Kontext braucht es auch sachliche Auseinandersetzung, kritisches Denken, klare Rollenverteilung – und die Fähigkeit zur professionellen Distanz.
Können Sie ehrlich auf die Leistung eines engen Freundes blicken? Kritik äußern, ohne Rücksicht auf die persönliche Beziehung? Erwartungen formulieren, ohne das Gefühl zu haben, Grenzen zu verletzen? Ich denke: Nein.
Unsere gemeinsame Geschichte mit dieser Person schwingt immer mit. Und genau das macht es so schwierig, objektiv zu bleiben.
Vom Business zur Freundschaft – eine tragfähige Richtung
Die umgekehrte Richtung empfinde ich hingegen deutlich positiver. Aus einer erfolgreichen Zusammenarbeit, einem gemeinsamen Projekt oder einer intensiven Herausforderung kann durchaus eine vertrauensvolle, aufrichtige Freundschaft entstehen. Diese Verbindung basiert auf professionellen Erfahrungen, einem gemeinsamen Ziel und der gegenseitigen Unterstützung im Business-Kontext – sie ist gewachsen, nicht vorbelastet.
Warum wir Freunde ins Business holen – und welche Dynamiken dabei entstehen
Warum also entscheiden sich viele dafür, Freunde in berufliche Vorhaben zu integrieren? Oft ist es der Glaube, dass die Person genau die richtige Expertise mitbringt. Manchmal aber steckt auch der Wunsch dahinter, zu helfen – sei es aus Solidarität oder weil die betreffende Person in einer schwierigen Lebenslage ist. Und nicht selten sind es auch unausgesprochene emotionale Verpflichtungen oder – heikel, aber real – Manipulationen, die uns in solche Kooperationen führen.
Ich möchte an dieser Stelle das Wort Manipulation entkräften. Es klingt nach Kontrolle, Absicht und Berechnung. Aber nicht jede Form der Einflussnahme ist böswillig. Manche Menschen setzen unbewusst ihre kommunikative Stärke ein, ohne zu merken, dass sie damit andere überrumpeln oder emotional binden.
Und dann gibt es auch jene, die ganz gezielt Einfluss nehmen – die Nähe als Werkzeug nutzen, um eigene Interessen durchzusetzen. Hier wird es kritisch – für die Freundschaft ebenso wie für das Business.
Was tun, wenn Sie es bemerken?
Was tun Sie, wenn Sie merken, dass jemand Sie emotional unter Druck setzt? Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihre geschäftliche Entscheidung nicht mehr rein sachlich getroffen wird – sondern auf Loyalität basiert? Oder wenn Sie als außenstehende Person sehen, dass eine andere Freundschaft durch manipulative Dynamiken belastet wird – greifen Sie ein oder halten Sie sich raus?
Diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Sie verlangen Klarheit und Mut zur Grenze.
Mein Coaching-Tipp an Sie:
Ich bin überzeugt: Echte Freundschaft braucht keinen geschäftlichen Rahmen. Sie lebt davon, dass sie frei ist – frei von Rollen, Pflichten und finanziellen Interessen. Und professionelles Arbeiten wiederum braucht Fokus, Verantwortungsbewusstsein und gemeinsame Ziele.
Wenn Sie also überlegen, eine Freundin oder einen Freund in Ihr Business einzubinden, stellen Sie sich bitte ehrlich folgende Fragen:
- Verfolgen wir tatsächlich das gleiche Ziel – oder nur ähnliche Vorstellungen?
- Können wir einander offen kritisieren ohne die persönliche Beziehung zu belasten?
- Würde ich diese Zusammenarbeit auch eingehen, wenn wir nicht befreundet wären?
Nur wenn Sie diese Fragen mit einem klaren „Ja“ beantworten können, ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe möglich.
Hier noch ein Beispiel, um die Situation etwas zu veranschaulichen:
Die eine Person möchte ein Unternehmen langfristig wirtschaftlich sicher aufbauen, die andere sucht lediglich ein finanzielles Polster für den nächsten Urlaub. Beides ist legitim – aber als gemeinsame Geschäftsgrundlage schlicht nicht kompatibel.
Mein Impuls:
Pflegen Sie Freundschaften außerhalb Ihres Business. Freundschaften und berufliche Zusammenarbeit sind nicht grundsätzlich unvereinbar – aber sie brauchen klare Spielregeln. Wenn sich aus einer beruflichen Verbindung später eine echte Freundschaft entwickelt – umso schöner. Aber bauen Sie keine Geschäftsbeziehung auf emotionaler Nähe auf. Unterschiedliche Werte, Ziele und Herangehensweisen führen früher oder später zu Reibungen.
Und wenn Sie dennoch gemeinsam starten wollen: Vereinbaren Sie von Anfang an klare Strukturen. Legen Sie Zuständigkeiten fest. Und sprechen Sie offen über Ihre Erwartungen und Grenzen. Nur so kann es aus meiner Erfahrung wirklich gelingen.
Gehen Sie Ihre Entscheidungen mit Klarheit an – und Ihre Zusammenarbeit mit Menschen, die wirklich passen.
sarah-thullner.de